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Wir chatten mit Agenten, weil wir keine andere Form kennen

Titelbild: Wir chatten mit Agenten, weil wir keine andere Form kennen

Im August hat xAI Grok Bot veröffentlicht, drei Wochen vorher kam Buzz von Jack Dorseys Firma Block. Beide stellen mehrere KI-Agenten nebeneinander in Chatfenster, und man schreibt ihnen, wie man einem Kollegen schreibt. Ich habe mir das angesehen und danach über etwas anderes nachgedacht als über die Produkte. Über die Reihe, in der sie stehen.

Die Reihe beginnt mit Briefen. Dann kam die E-Mail, und sie hat die Büroarbeit umgebaut wie kaum etwas sonst. Sie hat nicht nur einen Kanal gebracht, sondern eine neue Sorte Arbeit. Das Postfach leeren. Bei vielen Leuten ist der Posteingang bis heute die eigentliche Aufgabenliste, und was dort nicht auftaucht, passiert auch nicht.

Dann kam der Chat. Slack, Teams, gedacht als das Schnelle, das intern zwischen die Mails passt. Abgelöst hat er nichts. Slack hat das auch nie behauptet: Stewart Butterfield, damals CEO, nannte E-Mail die Kakerlake des Internets und sagte, wir hätten noch dreissig bis vierzig Jahre damit zu leben. Die Presse hat trotzdem den E-Mail-Killer daraus gemacht. Butterfield hatte recht.

Seitdem beantwortest du zwei Sorten Nachrichten statt einer. Microsoft hat an den eigenen Telemetriedaten gemessen, wie viel das ist: 153 Teams-Nachrichten und 117 E-Mails pro Person und Werktag, die meisten Mails in unter einer Minute überflogen, dazu 275 Unterbrechungen täglich, also eine alle zwei Minuten in der Kernarbeitszeit. Knapp die Hälfte der Befragten nennt die eigene Arbeit chaotisch und zerstückelt. Konzentriert arbeiten sollst du in dem, was übrig bleibt.

Jetzt kommt die dritte Sorte dazu, und ich glaube, dass diesmal etwas anderes passiert als bei den beiden Malen davor. Bisher hat sich der Eingang selbst begrenzt. Auf der anderen Seite sassen Menschen, die schreiben mussten und irgendwann Feierabend hatten. Ein Agent hat keinen Feierabend, und sein Ausstoss hängt allein an der Rechenleistung, die ich bezahle. Zum ersten Mal gibt es einen Kommunikationskanal ohne menschliches Tempolimit auf der Senderseite.

Herbert Simon hat das 1971 in einem Satz erledigt: Ein Überfluss an Information erzeugt einen Mangel an Aufmerksamkeit. Über fünfzig Jahre alt, und es beschreibt genau, was gerade gebaut wird.

Das eigentliche Limit ist für mich aber nicht die Menge der Nachrichten. Es ist, dass ich den Inhalt all dieser Gespräche im Kopf behalten muss, damit sie zusammenpassen. Bei einem Kollegen geht das, weil er selbst mitdenkt, nachfragt und sich merkt, was letzte Woche vereinbart war. Bei fünf Agenten sortierst du schon, wer gerade auf dich wartet. Bei zwanzig ist die einzige Stelle, an der alles zusammenkommt, mein Kopf. Da liegt der Konstruktionsfehler, und keine bessere Chat-Oberfläche wird ihn beheben.

Mein erster Reflex war, dass wir dabei Fäden verlieren werden. Inzwischen halte ich das für die falsche Sorge. Fäden bewusst nicht selbst zu halten ist genau das, was Delegation ausmacht. Ein Geschäftsführer mit zweihundert Mitarbeitenden weiss nicht, was in jedem Projekt passiert, und niemand hält ihm das vor. Er hat Massstäbe, und er hat Leute, die ihn holen, wenn etwas kippt. Fäden zu verlieren tut nur deshalb weh, weil sie sonst niemand hält.

Und genau da passt der Chat nicht. Chat ist dafür entstanden, dass Menschen sich auf Augenhöhe abstimmen: Alle lesen mit, der Kontext liegt im Verlauf, der Verlauf liegt in deinem Kopf, und bezahlt wird das mit Aufmerksamkeit pro Gegenüber. Führung funktioniert umgekehrt. Du setzt einen Massstab und hörst davon, wenn ihn jemand verfehlt. Das Organigramm ist die älteste bekannte Antwort auf das Problem, dass mehr Arbeit passiert, als in einen Kopf passt. Daniel McCallum hat das erste 1855 für die New York and Erie Railroad gezeichnet, weil die Eisenbahn zu gross geworden war, um sie noch zu überblicken. Hundertsiebzig Jahre Fehlerbehebung stecken darin, und die neuen Agenten-Werkzeuge übernehmen davon nichts.

Was daraus folgt, gefällt mir selbst nicht besonders. Prompting, das gerade alle als Fähigkeit üben, verliert mit jeder Modellgeneration an Wert, weil die Modelle besser darin werden, schlecht gestellte Fragen zu retten. Übrig bleibt etwas Unspektakuläreres und Schwereres: aufschreiben können, woran man erkennt, dass eine Arbeit gut genug ist.

Die meisten von uns mussten das nie. Wir haben unseren Massstab mündlich vermittelt, durch Korrigieren und durch das, was in einer Besprechung ohnehin im Raum lag. Ein Agent liest keinen Raum. Für ihn existiert nur, was geschrieben steht. Ich vermute, viele Firmen werden erst über Agenten merken, dass sie ihren eigenen Qualitätsmassstab nie definiert haben.

Die ersten Automobile sahen aus wie Kutschen ohne Pferd, weil niemand wusste, wie ein Auto sonst aussehen sollte. Broschüren waren die Vorlage für die ersten Webseiten. Neue Technologie borgt sich die Form der alten und findet ihre eigene erst, wenn die geborgte reisst. Beim Chat reisst sie gerade.

Wie die richtige Form aussieht, weiss ich nicht. Ich vermute, sie wird eher nach Berichtswesen aussehen als nach Unterhaltung, und damit weit langweiliger sein als ein Stapel Chatfenster. Das ist eine Vermutung, keine Erkenntnis. Wenn du gerade mit mehreren Agenten arbeitest: Wie behältst du den Überblick, ohne alles selbst zu lesen?

Quellen

  • xAI, Grok Bot, Beta-Start 11.08.2026. unite.ai
  • Block, Buzz, Start 21.07.2026. TechCrunch
  • Microsoft Work Trend Index Special Report, „Breaking down the infinite workday“, 17.06.2025. 31’000 Wissensarbeitende in 31 Märkten. microsoft.com
  • Stewart Butterfield zu E-Mail als „cockroach of the internet“. Inc.
  • Daniel McCallum, erstes bekanntes Organigramm, New York and Erie Railroad, 1855. Slate
  • Herbert A. Simon, „Designing Organizations for an Information-Rich World“, 1971. Hapgood
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