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Der nächste Benutzer deiner Software hat keine Augen

Titelbild: Der nächste Benutzer deiner Software hat keine Augen

Am 3. Februar 2026 verloren Softwareaktien an einem einzigen Tag rund 285 Milliarden Dollar an Wert. Den Anstoss gaben ein paar Zusatzmodule, die Anthropic für seinen Assistenten Claude veröffentlicht hatte, darunter eines für Rechtsabteilungen. Thomson Reuters fiel an diesem Tag um fast 16 Prozent, LegalZoom um knapp 20, HubSpot um gut 10. Ein Händler bei der Investmentbank Jefferies gab dem Ganzen den Namen, der seither die Runde macht: SaaSpocalypse, der Weltuntergang für Mietsoftware.

Das Wichtigste

Wer Software mietet, bezahlt für drei Dinge: den Bildschirm, die Daten und die Regeln. Ein KI-Agent braucht den Bildschirm nicht, die Daten und die Regeln dafür umso mehr. Vor der nächsten Vertragsverlängerung zählt deshalb vor allem eine Frage: Kann mein Agent damit arbeiten, und komme ich mit meinen Daten wieder heraus?

So dramatisch war es dann doch nicht. Die Kurse fielen schon vorher, der Tiefpunkt kam erst im April, und seither hat sich ein guter Teil erholt. Die Frage, die die Anleger an diesem Tag gestellt haben, bleibt aber, und sie betrifft dich als Kunde mehr als die Aktionäre: Wofür bezahlst du eigentlich, wenn du Software mietest? Und was davon braucht ein KI-Agent noch?

Was du mietest, wenn du Software mietest

Früher hast du Software gekauft, installiert und selbst betrieben. Mit dem Mietmodell hast du drei Dinge auf einmal ausgelagert, auch wenn auf der Rechnung nur eine Zeile steht.

Den Bildschirm. Masken und Knöpfe, also die Oberfläche, mit der deine Leute arbeiten. Dafür zahlst du pro Kopf, weil jeder Kopf einen Bildschirm braucht.

Den Bestand. Deine Kunden, Rechnungen, Projekte und Belege. Der Anbieter hält die Datenbank für dich, sichert sie und hält sie erreichbar.

Die Regeln. Was eine gültige Rechnung ist, wie die Mehrwertsteuer gerechnet wird, wer was freigeben darf, und das Protokoll darüber, wer wann was geändert hat. Das ist das Fachwissen, das in der Software steckt, samt der Verantwortung dafür.

Microsoft-Chef Satya Nadella hat Ende 2024 in einem Podcast gesagt, Geschäftsanwendungen seien im Kern Datenbanken mit viel Geschäftslogik obendrauf, und diese Logik wandere zu den Agenten. Ich halte das für halb richtig. Ein Agent liest keine Masken, den Bildschirm braucht er nicht. Den Bestand braucht er sehr wohl. Und die Regeln braucht er dringender als jeder Mensch, weil er schneller Fehler macht als jeder Mensch.

Die drei Teile verlieren also nicht gleich viel Wert. Am meisten verliert der Bildschirm. Ein Agent baut sich die Ansicht, die er gerade braucht, und der Mensch schaut auf das Ergebnis statt auf die Maske. Der Bestand wird zum Tauschgut, wenn du ihn leicht mitnehmen kannst, und zur Falle, wenn nicht. Die Regeln gewinnen an Wert. Deine Buchhaltungssoftware weiss, wie eine Schweizer Mehrwertsteuerabrechnung aussieht. Ein Agent kann das nachlesen, aber er kann die Verantwortung dafür nicht übernehmen.

Was du mietest, wenn du Software mietest: Bildschirm, Bestand und Regeln. Arbeitet ein Agent, verliert der Bildschirm am meisten, der Bestand wird Tauschgut oder Falle, je nachdem, ob du ihn mitnehmen kannst, und die Regeln gewinnen an Wert.
Drei Teile, drei Schicksale

Gartner hat im Juli geschätzt, dass bis 2030 rund ein Fünftel der Ausgaben für gemietete Geschäftssoftware auf dem Spiel steht, weil Agenten die Software unsichtbar machen. Der zuständige Analyst spricht von einer Verwandlung. Da bin ich bei ihm.

Bei uns: Software, die auf Klicks wartet

Ein Designstudio, das ich begleite, führt Angebote, Projekte und Rechnungen in einer gemieteten Projektsoftware. Die Software kann viel, vom elektronischen Unterschreiben bis zum automatischen Projekt nach einer Zusage. Wir haben 100 Angebote des Studios durchgesehen. Von diesen Funktionen wurde keine einzige genutzt.

Die Überraschung kam, als wir einen Agenten darauf ansetzten. Wenn der Agent ein Angebot über die Schnittstelle als angenommen markiert, passiert nichts. Die automatische Kette springt nur an, wenn der Kunde im Portal selbst auf den Knopf klickt. Die Software ist für Menschen gebaut, die klicken. Ein Agent, der dasselbe tut, existiert für sie nicht.

Wir haben die Software trotzdem nicht ersetzt. Das Team arbeitet weiter darin, und die Daten liegen weiter dort. Darüber liegt jetzt eine eigene Schicht, die alle fünf Minuten nachschaut, ob irgendwo eine Zusage ohne Projekt liegt. Findet sie eine, legt sie den Projektordner an und gibt dem Team Bescheid. Die Mietsoftware hält den Bestand, die Arbeit passiert in der Schicht darüber. Diese Verschiebung erwarte ich bei den meisten Firmen, die Agenten ernsthaft einsetzen.

Klickt der Kunde im Portal auf annehmen, läuft die automatische Kette mit Vertrag und Projekt. Markiert ein Agent das Angebot über die Schnittstelle als angenommen, passiert nichts. Darum prüft eine eigene Schicht alle 5 Minuten, findet Zusagen ohne Projekt, legt den Ordner an und gibt dem Team Bescheid.
Software, die auf Klicks wartet

Ich habe mich dabei auch geirrt. Zuerst war ich überzeugt, der Anbieter sperre seine Schnittstelle halb, weil viele Anfragen abgewiesen wurden. Ein grosser Teil davon lag an falschen Adressen innerhalb der Schnittstelle, also an mir. Bevor du einem Anbieter Abschottung vorwirfst, lohnt sich ein zweiter Blick.

Für unser eigenes Kundenverzeichnis haben wir anders entschieden und keines gemietet. Wir haben eines gebaut, das von Anfang an für Agenten gedacht ist: Jede Änderung geht durch eine einzige Tür, und jede landet mit Vorher, Nachher und Urheber im Protokoll. Einer Firma mit 50 Leuten würde ich das nicht empfehlen. Für uns war es der schnellste Weg herauszufinden, was Software für Agenten können muss.

Die Anbieter stehen vor einer unbequemen Wahl

Die Anbieter sitzen damit in der Klemme. Öffnen sie ihren Bestand für die Agenten ihrer Kunden, werden sie zur Leitung, die man austauschen kann. Schliessen sie ihn ab, ärgern sie die Kunden und laden die Konkurrenz ein. Die grossen versuchen gerade beides gleichzeitig.

Salesforce hat im Mai 2025 die Regeln für Slack geändert. Fremde Programme dürfen seither keine Daten mehr in grossen Mengen abziehen, keine dauerhaften Kopien anlegen und die Daten nicht für Sprachmodelle verwenden. Für Programme ausserhalb des eigenen Marktplatzes gilt eine Bremse: eine Abfrage pro Minute, höchstens 15 Nachrichten. Im Februar 2026 hat Slack dann eine eigene Such-Schnittstelle für Agenten freigegeben. Fragen dürfen sie, mitnehmen dürfen sie nichts. Slack öffnet also, aber zu den eigenen Bedingungen.

SAP ist weiter gegangen. Nach Berichten über die neue Schnittstellen-Richtlinie vom April 2026 dürfen Agenten, die selbständig planen und Aufrufe ausführen, die SAP-Schnittstellen nicht mehr nutzen, ausser über SAPs eigene Werkzeuge. Die deutschsprachige SAP-Anwendergruppe DSAG hat das öffentlich kritisiert. ServiceNow lässt fremde Agenten herein und zählt jeden einzelnen Aufruf gegen ein Kontingent, das der Kunde bezahlt. HubSpot hat im April einen offenen Zugang für Agenten freigegeben, lesend und schreibend, mit denselben Rechten, die der jeweilige Benutzer schon hat.

Auch die Preise verschieben sich. Salesforce verrechnet eine Agenten-Aktion mit zehn US-Cent. Intercom verlangt knapp einen Dollar, sobald sein Agent eine Kundenanfrage abgeschlossen hat. Microsoft dagegen verkauft die Verwaltung seiner Agenten weiter pro Benutzer, für 15 Dollar im Monat, egal wie viele Agenten jemand hat. Wer bezahlt was, wenn ein Agent die Arbeit von fünf Leuten macht? Darauf hat noch niemand eine Antwort, die hält.

Die Schlüsselkarte gehört nicht dir

Stell dir vor, du stellst jemanden ein, und der Vermieter deines Bürogebäudes entscheidet, ob die neue Person eine Schlüsselkarte fürs Archiv bekommt, welche Räume sie betreten darf und ob jedes Öffnen einer Tür extra kostet. So ist es heute mit Agenten und Mietsoftware. Du stellst den Agenten ein. Die Schlüsselkarte stellt der Anbieter aus.

Das Bild hat eine Bruchstelle. Eine Schlüsselkarte kennt nur offen oder zu. Ein Agent braucht feinere Stufen: lesen ja, schreiben nur hier, löschen nie, und bei allem ein Protokoll. Diese Stufen wird gute Mietsoftware künftig verkaufen. Sie entscheidet dann vor allem darüber, wer mit deinen Daten was tun darf.

Deshalb glaube ich nicht an den Weltuntergang. Einen Bildschirm baut ein Agent in Minuten nach, eine Buchhaltung, für die jemand vor der Steuerverwaltung geradesteht, nicht.

Was das für deinen nächsten Vertrag heisst

Die meisten Firmen fragen beim Einkauf von Software nach Funktionen und Preis pro Benutzer. Beides verliert an Gewicht, sobald ein Agent mitarbeitet. Ich würde vier andere Fragen stellen.

Kommt ein Agent an die Daten, und zwar mit einer eigenen Identität statt mit deinem Passwort?

Was darf er: lesen, schreiben, und wo genau? Gelten für ihn dieselben Rechte wie für einen Menschen in derselben Rolle?

Wird protokolliert, was der Agent geändert hat, sodass du es nachverfolgen und rückgängig machen kannst?

Was kostet es, wenn ein Agent statt einer Person arbeitet, und kommst du mit allem wieder heraus?

Bei der letzten Frage stehen Schweizer Firmen schlechter da als ihre Nachbarn. In der EU gilt seit September 2025 der Data Act. Wer dort Software mietet, darf mit höchstens zwei Monaten Frist wechseln, der Umzug muss in 30 Tagen erledigt sein, und ab Januar 2027 darf der Anbieter dafür nichts mehr verlangen. Eine Firma in der Schweiz hat davon direkt nichts, egal wo ihr Anbieter sitzt, denn das Gesetz schützt Kunden in der EU. Das Schweizer Datenschutzgesetz gibt ein Recht auf Herausgabe nur für Daten über Menschen, nicht für die Daten deiner Firma. Was du sonst mitnehmen darfst, steht in deinem Vertrag oder nirgends.

Kunden in der EU haben dank Data Act höchstens 2 Monate Kündigungsfrist, einen Umzug in höchstens 30 Tagen und ab 12.01.2027 keine Wechselgebühren. Eine Firma in der Schweiz hat kein gesetzliches Wechselrecht für Firmendaten, das Datenschutzgesetz Art. 28 gilt nur für Daten über Menschen, es gilt, was im Vertrag steht.
Wenn du den Anbieter wechseln willst

Wo die These wackelt

Die These hat blinde Flecken, und ich will sie nicht verschweigen.

Die meisten KMU haben heute noch keinen Agenten, der selbständig in ihren Systemen arbeitet. Gartner hat schon 2025 vorausgesagt, dass mehr als 40 Prozent der Agentenprojekte bis Ende 2027 abgebrochen werden. Für viele Firmen ist das eine Frage für 2027, nicht für diesen Herbst.

Abschottung hat auch einen guten Grund. Ein Agent mit Schreibrechten ist ein neues Einfallstor. Ein Anbieter, der fremde Zugriffe bremst, schützt damit auch deine Daten.

Der Bildschirm verschwindet auch nicht ganz. Irgendwer muss prüfen und freigeben, und das passiert an einem Bildschirm. Er wird kleiner und anders, mehr Freigabe als Eingabe.

Abhängigkeit hat auch einen Nutzen. Eine Software, die alles aus einer Hand kann, ist oft billiger als fünf Anschlüsse, die jemand pflegen muss. Die Pflege dieser Anschlüsse kostet jeden Monat Zeit, und jemand in deiner Firma muss sie einplanen.

Die nächste Vertragsverlängerung

Über unserem eigenen Modell steht ein Satz: Das Modell ist austauschbar, die Firmenschicht bleibt. Für Mietsoftware gilt künftig dasselbe. Die Software wird austauschbarer, als ihre Anbieter es gern hätten. Was bleibt, sind dein Bestand und deine Regeln, vorausgesetzt, du kommst an beides heran.

Deshalb würde ich die nächste Vertragsverlängerung nicht mit der Frage nach neuen Funktionen anfangen, sondern mit dieser: Kann mein Agent damit arbeiten, ohne dass jemand klickt?

Mich interessiert, wie das bei dir aussieht: Welches deiner Programme könnte ein Agent heute bedienen, und bei welchem müsste noch jemand danebensitzen?

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Quellen

  • Kurssturz vom 03.02.2026 und Begriff «SaaSpocalypse» (Jeffrey Favuzza, Jefferies). The Batch, Morningstar
  • Erholung seit dem Tief vom 10.04.2026, CNBC, 03.09.2026. cnbc.com
  • Neue Slack-API-Bedingungen vom 29.05.2025. Hunton, Slack
  • Slack Real-Time Search API und MCP-Server, allgemein verfügbar seit 17.02.2026. Slack
  • SAP API Policy 2026 und Kritik der DSAG. Computerwoche, CIO
  • ServiceNow Action Fabric, Mai 2026. ServiceNow
  • HubSpot Remote-MCP-Server, allgemein verfügbar seit 13.04.2026. HubSpot
  • Preise: Salesforce Agentforce Flex Credits, Salesforce; Intercom Fin, Intercom; Microsoft Agent 365, allgemein verfügbar seit 01.05.2026, SAMexpert
  • Gartner zu «agentic arbitrage», 01.07.2026. Channel Dive
  • Gartner, über 40 Prozent der Agentenprojekte bis Ende 2027 abgebrochen, 25.06.2025. gartner.com
  • Satya Nadella im Podcast BG2, 12.12.2024.
  • EU Data Act, Verordnung (EU) 2023/2854, Art. 1, 25 und 29, anwendbar seit 12.09.2025. eu-data-act.com
  • Schweizer Datenschutzgesetz, Art. 28. Onlinekommentar
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